01.07.08 15:20 Alter: 4 yrs

Friedlicher Spielplatz der Religionen: gemeinsam für ein gutes Miteinander in Köln

 

 

Von Carmen Molitor (*)

 

"Es ist immer gut zu sehen, was aus einer Idee geworden ist", sagt Pfarrerin Barbara Rudolph. Die Geschäftsführerin der Arbeitsgemeinschaft christlicher Kirchen in Deutschland (ACK) freut sich darauf, an diesem strahlenden Sommersonntag zu hören, wie sich das Kölner Lokalprojekt der Aktion "Weißt du wer ich bin?" entwickelt hat.

 

Als die ACK, der Zentralrat der Juden, der Zentralrat der Muslime und die Türkisch-islamische Union der Anstalt für Religion (Ditib) ihre bundesweite Aktion ausriefen und gefördert vom Bundesinnenministerium 120 lokale Projekte für mehr Miteinander der Religionen initiierten, war die Idee auch in Köln auf fruchtbaren Boden gefallen.

 

Barbara Rudolph ist nicht alleine in die Melanchton-Akademie gekommen, um die Bilanz der Kölner Organisatoren zu hören. Sie hat die "Lebendigen Briefe" des Ökumenischen Rates der Kirchen (ÖRK) mitgebracht, ein sechsköpfiges, internationales Team, das sich bei einer Deutschlandreise auf Spurensuche begeben hat. Die Delegation besucht noch bis 4. Juli Projekte, die beispielhafte Netzwerkarbeit im Dienste der Ziele der "Dekade zur Überwindung von Gewalt 2001 - 2011" leisten.

 

Eine Wippe scheint Hannelore Bartscherer ein gutes Symbol für das Zusammenleben der Religionen Köln: Auf einer Wippe geht es zwar auf und ab, aber es macht Spaß, darauf zu spielen und jeder braucht den anderen, damit sich etwas bewegt, erklärt die Vorsitzende des örtlichen Katholikenausschusses den Gästen aus dem ÖRK. Nahe liegend also, dass eine Initiative, die sich ein gutes Miteinander im Alltag zum Ziel gesetzt hat, einmal im Jahr eine Wippe auf einem Kölner Spielplatz finanziert und Spielplatzpaten aus allen drei Religionen dafür sucht.

 

Begonnen hatte "Weißt Du wer ich bin?" in Köln erheblich theoretischer, nämlich mit der feierlichen Unterzeichnung einer "Kölner Friedensverpflichtung", einer Art Charta für gegenseitige Akzeptanz und Gewaltlosigkeit. Der Katholikenausschuss um Hannelore Bartscherer hatte dafür die Initiative ergriffen und Partner in den christlichen, jüdischen und muslimischen Gemeinden der Stadt gesucht. Nicht alle machten mit: Als offizielle Vertretung von jüdischer Seite wurde die orthodoxe Synagogen-Gemeinde als größere der beiden Kölner Gemeinden eingeladen, erklärte Bartscherer. Und obwohl Köln der Sitz zahlreicher muslimischer Verbände und Organisationen ist, engagierte sich von muslimischer Seite lediglich die Ditib in dem Projekt.

 

 

Die teilnehmenden Gruppen entsandten ein Mitglied in ein Planungsgremium und formulierten in zähem Ringen den Text. Gemeinsam mit dem Kölner Oberbürgermeister Fritz Schramma unterzeichneten sie 2006 dann feierlich die Charta im historischen Rathaus der Stadt. Mit Absicht habe man das Rathaus als neutralen Ort gewählt, der alle Religionen eine, berichtet Bartscherer. Es war das erste Mal, dass sich die großen drei Religionen in Köln gemeinsam öffentlich zu Wort meldeten und sich für ein friedliches Miteinander einsetzten. "Ich bin zutiefst dankbar, dass durch das Projekt unter uns Vertrauen gewachsen ist", so Bartscherer.

 

Schon immer fanden im überwiegend katholisch geprägten Köln die Religionen einen Weg, miteinander auszukommen. Seit Jahrhunderten zieht es christliche Wallfahrer zu den Gebeinen der Heiligen Drei Könige in den Dom, die Stadt hat sehr alte jüdische Wurzeln, außerdem leben hier heute 120.000 Frauen und Männer muslimischen Glaubens. Immer wieder stehen die Religionen im Mittelpunkt der öffentlichen Debatte: Sei es, dass der Kölner Kardinal Joachim Meisner mit seinen pointierten Positionen für Debatten sorgt; sei es, weil der Neubau eines repräsentativen Moscheebaues massive Proteste rechter Gruppierungen hervorruft, oder sei es, weil um den Standort eines geplanten jüdischen Museums gestritten wird.

 

Um Konflikten vorzubeugen, gibt es seit 2006 in Köln zweimal im Jahr einen Runden Tisch, den "Rat der Religionen", wie Dr. Sonja Sailer-Pfister vom Stadtdekanat Köln beschrieb. "Wir wollen die Kommunikation stärken, Missverständnisse klären und ein Krisenmanagement etablieren", berichtete sie. Vorbild sei dabei ein Modell aus der Partnerstadt Liverpool. Theologische Diskussionen würden nicht geführt, dafür wolle man aber über alle wichtigen Alltagsthemen im Gespräch bleiben und über die Besonderheiten der Gruppierungen informieren. Gemeinsam habe man bereits einen Festkalender aller Religionen erstellt, der auf dem Internetportal der Stadt abzurufen sei. In Planung befinden sich ein Kölner Buch der Religion und ein gemeinsamer Tag der Religion 2009. Auch eine Erklärung gegen Islamophobie möchte man gemeinsam entwerfen, so Sailer-Pfister. "Wir wollen die Ängste der Leute aufgreifen."

 

Zu erhitzten Diskussionen hatte zuletzt der geplante Neubau einer repräsentativen Moschee der Ditib im Kölner Stadtteil Ehrenfeld geführt. Zurzeit gebe es etwa 70 Moscheen in Köln, die sich aber fast alle in Häusern und Hinterhöfen befänden, sagte Hannelore Bartscherer. Der Neubau stocke nun angesichts der politischen Debatten, die insbesondere die rechtspopulistische Partei ProKöln angefacht habe. "Wir könnten aus juristischer Sicht die Moschee bauen, aber aus politischen Gründen müssen wir abwarten", beschrieb es Ditib-Vertreter Hasan Karaca vom Forschungszentrum Religion und Gesellschaft. Es deprimiere ihn, dass die Medienberichterstattung oft Vorurteilen geleitet sei. Wie zuletzt, als eine renommierte Tageszeitung den Bauherren eine angeblich fundamentalistische Innenarchitektur vorgeworfen habe.

 

Zwei Stunden lang konnten sich der anglikanische Erzbischof Bernard Ntahoturi aus Burundi, die griechisch-orthodoxe Theologin Aikaterini Pekridou, Thomas Yonker aus der US-Kirche Diciples of Christ (Jünger Christi) und Janette Bächtold Ludwig von der lutherischen Kirche Brasiliens, sowie der Stellvertretende Generalsekretär der ÖRK, Georges Lemopoulos und Pfarrerin Sabine Udodesku aus dem Genfer Büro des ÖRK ein genaues Bild der interreligiösen Beziehungen in der Domstadt machen. Die "Lebendigen Briefe" hörten zu, fragten kritisch nach und gaben Tipps.

 

Erzbischof Ntahoturi erkundigte sich nach dem Platz der afrikanischen Christen und Moslems in der Zusammenarbeit der Kölner Religionen. Sowohl Pfarrer Dr. Martin Bock für die evangelische Seite als auch Hannelore Bartscherer vom Katholikenausschuss bedauerten, dass die afrikanischen Christen bislang kaum ihren Einladungen nach Zusammenarbeit nachgekommen seien und recht isoliert lebten. Afrikanische und arabische Moslems seien hauptsächlich im Zentralrat der Muslime organisiert.

 

Ntahoturi ging auch auf die Kölner Probleme beim Moscheebau ein und fragte nach, wie der Umgang mit muslimischen Offiziellen sei, die den Christen in ihren Ländern das Beten verbieten wollten. Martin Bock erwähnte die seiner Ansicht nach gute Idee des Kölner Kardinals, von türkischen Offiziellen im Gegenzug für den Kölner Moscheebau die Erlaubnis zu erbitten, ein Pilgerzentrum und eine Pauluskirche in Tarsus in der Türkei zu bauen. Gertrud Casel von der Deutschen Kommission Justitia et Pax sprach sich dagegen aus, Vorbedingungen in anderen Ländern für den Moscheebau in Köln zu stellen. "Wir fordern in Deutschland Religionsfreiheit für alle", sagte Casel.

 

Einen Blick über den Tellerrand empfahl Georges Lemopoulos im Kampf gegen Islamophobie. Interessant sei es, darüber mit Christen in muslimischen Ländern zu sprechen. "Es gibt dort erfolgreiche Modelle der Zusammenarbeit, die man kopieren kann - und natürlich auch solche, die man vermeiden sollte", berichtete der stellvertretende ÖRK-Generalsekretär. Er dankte den Kölnerinnen und Kölnern für ihre Offenheit. Das Thema interreligiöser Dialog stehe weiter ganz oben auf der ÖRK-Agenda.

 

(*) Carmen Molitor arbeitet als freie Journalistin in Köln unter anderem für die Katholische Nachrichtenagentur KNA und den Reader's Digest Deutschland.

 

Weitere Informationen über die Dekade zur Überwindung von Gewalt

 

Besuch der "Lebendigen Briefe" in Deutschland

 

Reise-Blog zweier Team-Mitglieder (auf Englisch) 

 

Projekt "Weißt du, wer ich bin?"

 

ÖRK-Mitgliedskirchen in Deutschland (auf Englisch)